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„ICH LIEBE MEIN LAND“

Charlotte Knobloch als Zeitzeugin am Bayernkolleg

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch russische Soldaten befreit. Seit 1996 ist dieser Tag in Deutschland, seit 2006 auf Beschluss der UNO international ein „Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts“. Alle Schulen in Deutschland begehen diesen Tag als einen Tag der Erinnerung.

In dem Zusammenhang gelang es in diesem Schuljahr, Frau Charlotte Knobloch für unsere Zeitzeugengespräche zu gewinnen. Seit 1985 ist sie, die am 29. Oktober 1932 in München geboren wurde, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Außerdem ist sie Vizepräsidentin des Europäischen Jüdischen Kongresses. Von 2006 bis 2010 war sie Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Sie ist die Tochter des Rechtsanwalts Fritz Neuland. Ihre Mutter Margarethe, die ihrem Mann zuliebe zum Judentum übergetreten war, trennte sich auf Druck der Nazis von der Familie. Charlotte wurde dann von ihrer Großmutter Albertine erzogen, die 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde. Die ehemalige Hausangestellte ihres Onkels, Kreszentia Hummel, rettete Charlotte vor dem Holocaust. Sie brachte das Mädchen zum Bauernhof ihrer katholischen Familie ins mittelfränkische Arberg, wo die damals Zehnjährige als Kreszentias uneheliches Kind galt.

1945 kehrte sie mit ihrem Vater nach München zurück. Sie heiratete 1951 den polnischen Juden Samuel Knobloch, einen Überlebenden mehrerer Konzentrationslager. Eigentlich wollte das Paar nach Amerika auswandern, ließ den Plan aber nach der Geburt ihrer Kinder fallen.

Frau Knochloch, wegen ihrer bedeutsamen öffentlichen Rolle in Deutschland aus den Medien bestens bekannt, stellt sich, obgleich heute 81-jährig, beweglich, frisch und konzentriert dem Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern der KII und des Sonderkurses 22, aber auch mit vielen Gästen von auswärts. Das war nicht immer so. „Am Anfang war es sehr schwer, sagt sie, „da bin ich vor Schulklassen gesessen und konnte mich gar nicht mehr beruhigen.“

Auch ihre Kinder wussten zunächst kaum etwas von der Vergangenheit der Eltern. Doch sie vergaß sie nie. Aufgeben war für sie aber nie eine Option. Weder in ihrem unermüdlichen Kampf gegen Vorurteile, Ausgrenzung und Diffamierung, noch in ihrem jahrzehntelangen Engagement für eine neue Hauptsynagoge in München. Sie wurde zusammen mit dem jüdischen Museum und dem jüdischem Gemeindezentrum am Jakobsplatz im Herzen von München am 9. November eingeweiht.
Dies und vieles mehr, was in Knoblochs 2012 erschienenen Erinnerungen „In Deutschland angekommen“ nachzulesen ist, brachte sie ihren Zuhörerinnen und Zuhörern nahe. Besorgt zeigte sie sich über das Wiedererstarken des Antisemitismus in Europa. Aber obgleich es ihrwichtig ist, dass angesichts dieser traurigen Aktualität die Geschehnisse der Nazizeit nicht in Vergessenheit geraten, appelliert sie doch an ihr junges Publikum: „Wir dürfen uns nicht nur über die Vergangenheit definieren. Wir müssen Gegenwart und Zukunft gestalten. Ich liebe mein Land, und ich rate Ihnen, das auch zu tun.“ 

Walter Lenhard