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Von Helden und alten Säcken

Autorenlesung von Rolf-Bernhard Essig am Bayernkolleg am 08.11.2013

„Da habe ich Sie wohl auf dem falschen Fuß erwischt?“ Augenzwinkernd beendet Essig die Denkpause, als das von ihm so couragiert und gnadenlos eingesetzte Mikrofon just auf jenen Zuhörer zusteuert, der sich gerade trotz allen intensiven Nachdenkens einfach nicht an ein Sprichwort erinnern will. Dabei verwendet man, wie Essig informiert, durchschnittlich 100 bis 200 Redewendungen am Tag, die ein so unlösbarer Teil des Sprachrepertoires geworden sind, dass man sich deren Verwendung oft gar nicht bewusst ist. Über deutlich mehr als diese weiß der 1963 in Hamburg geborene Literaturwissenschaftler, Literaturkritiker, Autor, Ghostwriter, Radiomoderator und Journalist Essig bedeutungsgeschichtliche Hintergründe zu klären und sie – hier in kleiner Auswahl - in ihrer Sinndimension dem Zuhörer zugänglich zu machen. Dies tut der Redner in einer sehr erfrischenden, amüsanten und jovialen Weise, die zu erkennen gibt, welch große Entertainer-Qualitäten er besitzt, wenn er in lebendiger Interaktion mit seinem Publikum diesem eben nicht nur Input an Wissen ermöglicht, sondern es auch in besonderer Form unterhält. Die Lesung Essigs lebt aber auch von ihren nachdenklichen Momenten, in denen der Autor Berührendes über Menschen vorträgt, die durch die ganz besondere Art ihres Agierens in einer bestimmten Situation über sich hinauswuchsen und Heldenhaftes leisteten. Georg Elser zum Beispiel, jener Schreiner, der ein Attentat auf Hitler minutiös plante, aber nur deshalb an seiner erfolgreichen Umsetzung scheiterte, weil der Machthaber früher als geplant den Ort des Attentats verließ, um einen Sonderzug zu erreichen. Oder Terry Fox, ein an Krebs erkrankter 20-Jähriger, der durch seinen „Marathon der Hoffnung“, der ihn zu großen Teilen auch selbst quer durch Kanada führte, der Krebsforschung mehr als 23 Millionen Dollar bescherte. Er tat aber mehr als dies. Er stellte sich in schier auswegloser Situation lange Zeit der schweren Krankheit in seinem Körper entgegen, bis diese ihn doch bezwang. Dass unsere Bewunderung für Helden und ihre Taten uns aber nicht blenden darf und Raum lassen muss für kritische Reflexion, ist Essig ebenso wichtig zu bemerken, als er auf Nelson Mandela und Mutter Teresa zu sprechen kommt.

Schließlich beeindruckt die Lesung Essigs durch eine bemerkenswerte Offenheit des Autors, als er auch jene Seiten des Autoren-Lebens benennt, die nicht das sprichwörtliche „Gelbe vom Ei“ darstellen. Befragt nach seiner von ihm am meisten geschätzten Redewendung zögert Essig nicht lange: „Einzugestehen, dass man etwas nicht weiß, ist Wissen.“ Wohltuend in einer Zeit, in der es Mut und Größe bedeutet, nicht die Rolle eines allwissenden Helden einnehmen zu wollen und seine eigenen Grenzen einzugestehen.

Herrn OStR Östreicher sei für den Impuls zu dieser Lesung und deren Organisation herzlich gedankt.                                                                                                        Anne Muschler