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Wahnsinnig gut!

 

„Wahnsinnig gesund!“ – Ein Kabarett zwischen Sünde und Schönheit.
So lautete in diesem Jahr der Titel des Programms, das die Theater- und Musikgruppe des Bayernkollegs ihrem Publikum an drei Abenden (09. – 11.04.2014) präsentierte.

Schon vor dem Betreten des Kollegsaals wird man auf das Thema eingestimmt. Sportlich, in Trainingsanzug oder Sportdress gekleidete Schauspieler begrüßen die Gäste und verführen diese zur Sünde – in Form von Lollis.
Auch die Schönheit lässt nicht lange auf sich warten. Das reduzierte Bühnenbild lenkt die gesamte Aufmerksamkeit auf ein im Hintergrund angebrachtes, großformatiges Poster. Die Bildausschnitte, die darauf zu sehen sind, z.B. Tabletten, Früchte, das Gesicht einer Marmorstatue, lassen bereits erahnen, welche Themen im Fokus stehen werden.
Die Vorfreude ist also angefacht, Spannung ist erzeugt. Es kann losgehen.
Und wie!
Genüsslich ein Nuss-Nougat-Creme-Brot verzehrend, zappt sich Monika Endres, gemütlich auf der Couch fläzend, durch das morgendliche Fernsehprogramm. Nur schöne, sportliche Menschen, Gesundheitstipps, Werbung für Arzneimittel usw., da verspricht wenigstens eine Kochshow entspannende Unterhaltung. Doch leider, weit gefehlt. Denn der einzige Genuss, den der Gourmetkoch (glänzend gespielt von Denis Keil) bietet, ist der Duft von Essen.
Na, das kann ja heiter werden …
Wird es auch!
Kristin Schuricht bringt das Publikum mit ihrer meditativen Anbetung des gesunden Körpers durch gluten-, laktose- und fruktosefreies, vegan/biologisches Essen zum Lachen und ihre Partnerin (Monika Endres) zum Verzweifeln.
Nach einem vergnüglichen Einblick in das Wartezimmer einer Ärztin, die einer Patientin, die sich nicht auf ihre fragwürdigen Therapieversuche einlassen will, alle möglichen Krankheiten und schließlich den Tod wünscht (Beide Rollen sehr glaubhaft dargestellt von Natalie Folz und Katharina Hauswirth.) werden aber schließlich auch ernstere Töne angeschlagen.
Eingeleitet durch Viktoria Funks Interpretation des Hooverphonic Songs „Mad about you“, beginnt ein Teil des Programms, der eher zum Nachdenken, als zum Schmunzeln einlädt.
Eine Patientin klagt ihren Therapeuten an, der sie nur als „Fall“ sieht und vor allem an dem Geld, das er mit ihr verdient, interessiert ist. Eine Szene, bei der nicht nur das Publikum, sondern auch die Schauspielerin Anika Peter, die in dieser Rolle absolut brilliert, die emotionale Angegriffenheit hinunterschlucken muss. Zwei junge Frauen (Julia Teichrib und Christina Thunig) beklagen sich über ihr Aussehen, finden sich fett und hässlich, können ihr eigenes Spiegelbild nicht ertragen.
Warnungen, Schönheit sei vergänglich, werden stakkatoartig von Maskierten (Marco Wackenreuther, Paul Edel, Christian Gierling, Sebastian Scheuplein) so eindringlich performt, dass sie Gänsehaut hervorrufen. Doch auch diese können nicht verhindern, dass Menschen dem Körperkult zum Opfer fallen und sogar daran sterben. Denn so kann man die Passage „Philipp liegt so komisch da“ (Anika Peter, Robert Lux) wohl interpretieren.
Eine kurze Auflockerung bietet Thekla Selig mit Pinks „Just like a pill“, bevor das Publikum nach Gedanken über Schönheitsoperationen (Christina Thunig, Julia Teichrib, Jessica Lübke, Christian Gierling, Marco Wackenreuther, Edith Becker), mit einem Tanz in die Pause entlassen wird. Natalie Folz stellt ausdrucksstark dar, wie die Medizin aus einem gebrochenen, strauchelnden, mit Problemen belasteten Menschen scheinbar im Handumdrehen wieder einen voll funktionierenden, vor Schönheit strahlenden Körper zaubern kann.
Der zweite Teil beginnt wieder vergnüglicher. Ein flottes Medley der Musikgruppe, unter anderem bestehend aus Harry Belafontes zu „Bananenbrot“ eingedeutschtem „Banana Boat“, Fendrichs „Es lebe der Sport“ und, natürlich unvermeidbar, dem Udo Jürgens Klassiker „Aber bitte mit Sahne“, stimmt die Zuseher auf den weiteren Verlauf des Abends ein.
Menschen im Krankenhaus (Robert Lux, Thomas Krauss, Melanie Holzbauer, Sebastian Scheuplein, Michaela Karger) werden zum Spielball von Ärzten und Pflegern. Alte sind ihren Helfern schutzlos ausgeliefert und müssen auch noch mit ihrem eigenen, dahinsiechenden Körper kämpfen. Das ist eigentlich nicht lustig. Doch das pantomimische und komödiantische Talent von Thomas Krauss, der den alten Mann spielt (Ein riesiges Lob an die Maske, Lea Matusik und Team!), lassen es nicht zu, dass das Publikum zu sehr ins nachdenkliche Grübeln kommt. Und wenn, dann, nachdem geklärt ist, dass Frauen gesünder und länger leben als Männer (Natalie Folz, Jessica Lübke, Thomas Krauss), die Musikgruppe mit James Browns „I feel good“ so richtig losgroovt, ist die Stimmung wieder richtig heiter.
Über schöne, schlanke Menschen am Strand sinniert schließlich Christian Gierling. Und dass Männer gerne Komplimente über ihre Ohren hören, bringen uns Monika Endres und Marco Wackenreuther, überzeugend miteinander flirtend, näher. Bevor sich das Programm dann langsam dem Ende nähert, dürfen wir noch Zeuge eines wenig gelungenen Klassentreffens werden, bei dem es, statt sich gemeinsam an alte Zeiten zu erinnern, nur darum geht, wer es zu etwas gebracht hat.
Daran anknüpfend setzt Anika Peter einen melancholisch stimmenden Schlusspunkt mit ihrem selbstverfassten Text „Yolo“ – you only live once. Sie gibt einen Einblick in das Lebensgefühl vieler jungen Leute, bei denen es heutzutage hauptsächlich darauf anzukommen scheint, dass man „swag“ ist. Probleme werden weggetrunken, beinahe alles reduziert sich auf Äußerlichkeiten. Gebannt sieht man alle Schauspieler auf der Bühne niedersinken und möchte schon einstimmen, in den, die letzte Szene untermalenden Song: „Nein, Mann! Ich will noch nicht geh’n …“ ich will noch ein bisschen zuschau’n! Da beginnt Jonas Piknias mit einem Solo, dem letzten Programmpunkt des Abends. „I see fire“ von Ed Sheeran wird von der Musikgruppe grandios gesungen (Jonas Piknias, Jamie Beetz, Thekla Selig, Sabrina Hillenbrand) und gespielt. Ein weiterer Gänsehautmoment, mit dem die Vorstellung leider endgültig beschlossen wird.

Der Theater- und Musikgruppe des Bayernkollegs unter Leitung von Annette Günther (Theater), Armin Schuler (Musik) und Stefan Anschütz (Technik) ist eine Glanzleistung gelungen: Eine abwechslungsreiche Vorstellung, mit einer emotionalen Achterbahnfahrt; unterhaltsam, zum Nachdenken anregend, betroffen stimmend und komisch. Alle Akteure haben überzeugt! Ein großes Lob – auch an alle hinter den Kulissen und an die Schauspieler und Musiker, die nicht namentlich genannt wurden!
Danke, für einen wunderbaren Abend. Es war einfach „wahnsinnig gut!“

 

Sandra Zink